Zwischen Terrain und Timeline: Eine ausführliche Beobachtung zur politischen Kommunikation
- Yannick Iannelli
- 22. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Es gab eine Zeit, da wurde Social Media in der politischen Landschaft eher müde belächelt. Plattformen wie Instagram, TikTok oder später auch Reels galten als kurzlebige Trends, als Orte für Unterhaltung, persönliche Selbstdarstellung oder Werbung. Politik hingegen, so die lange vorherrschende Vorstellung, spielte sich an anderen Orten ab. In Sitzungsräumen, auf Wahlveranstaltungen, bei Bürgersprechstunden, auf dem Terrain.
Social Media war da, aber es war nicht zentral.
Wer es nutzte, tat dies oft zögerlich oder nebenbei. Es fehlte an klarer Strategie, an Verständnis für die Dynamiken der Plattformen und vielleicht auch an der Überzeugung, dass dort tatsächlich relevante politische Kommunikation stattfinden könne.
Heute lässt sich kaum bestreiten, dass sich dieses Verhältnis grundlegend verändert hat.
Politische Akteurinnen und Akteure sind auf Social Media präsent wie nie zuvor. Man erkennt professionelle Kampagnen, abgestimmte visuelle Identitäten, geplante Veröffentlichungsrhythmen und Inhalte, die klar auf Reichweite und Aufmerksamkeit ausgerichtet sind. Botschaften werden zugespitzt, vereinfacht und in Formate gegossen, die den Regeln der Plattformen folgen.
Social Media ist nicht mehr Beiwerk. Es ist Teil der politischen Realität geworden.
Diese Entwicklung habe ich nicht nur beobachtet, sondern bewusst selbst thematisiert. In einem Video, das ich zu diesem Wandel veröffentlicht habe, ging es mir genau darum, diese Verschiebung sichtbar zu machen. Nicht als Anklage, sondern als Momentaufnahme. Als Versuch, laut auszusprechen, was vielen vermutlich schon aufgefallen ist.
Im Video habe ich die Frage gestellt, ob Politikerinnen und Politiker über Nacht zu Content Creators und Influencern geworden sind. Eine bewusst zugespitzte Frage, die weniger auf eine eindeutige Antwort abzielte als auf Reflexion. Denn natürlich geht es nicht darum, Politik mit klassischem Influencer Marketing gleichzusetzen. Und doch lassen sich Parallelen nicht ignorieren.
Hooks, Storytelling, Wiedererkennbarkeit, Reichweitenlogik. All das sind Begriffe, die längst auch in politischen Kommunikationsstrategien angekommen sind. Inhalte müssen funktionieren, performen, sichtbar sein. Wer nicht erscheint, findet nicht statt. Zumindest nicht im digitalen Raum.
Besonders aufschlussreich war für mich nicht nur das Video selbst, sondern das, was danach folgte.
In der Kommentarspalte entstand eine Diskussion, an der sich nicht nur einzelne Nutzerinnen und Nutzer beteiligten, sondern auch politische Parteien. Sowohl die LSAP als auch die Grünen kommentierten unter dem Video und brachten sich sichtbar in den Austausch ein. Ohne Eskalation, ohne Abwehrhaltung, sondern dialogisch.
Allein diese Interaktion zeigt, wie sehr sich der Stellenwert von Social Media verändert hat. Plattformen sind nicht mehr nur Kanäle zur Verbreitung von Botschaften, sondern Orte, an denen politische Akteurinnen und Akteure präsent sind, reagieren und sich öffentlich positionieren.
Das ist eine Entwicklung, die man zunächst einfach feststellen kann.
Politische Kommunikation ist unmittelbarer geworden. Schneller. Öffentlicher. Reaktionen erfolgen nicht mehr zeitversetzt über Pressemitteilungen oder formelle Statements, sondern direkt, unter einem Beitrag, sichtbar für alle. Diskussionen entstehen in Echtzeit. Zustimmung und Kritik liegen oft nur wenige Kommentare voneinander entfernt.
Diese neue Form der Öffentlichkeit verändert Erwartungen. Sie verändert auch Rollenbilder. Politikerinnen und Politiker werden stärker als kommunikative Persönlichkeiten wahrgenommen. Als Gesichter, Stimmen, Absender von Content. Nicht mehr nur als Funktionsträger, sondern als Akteure in einem digitalen Raum, der Nähe suggeriert und gleichzeitig Distanz aufrechterhält.
Gleichzeitig wirft diese Entwicklung Fragen auf, die nicht laut, sondern leise sind. Fragen, die sich nicht als Kritik formulieren müssen, sondern als Beobachtung.
Wie verschiebt sich der Fokus politischer Arbeit, wenn Sichtbarkeit zu einer zentralen Währung wird. Wie viel Energie fließt in Kommunikation, wie viel in Präsenz vor Ort. Wie verändert sich politische Arbeit, wenn sie zunehmend auch in Formaten gedacht wird, die nach Aufmerksamkeit, Wiederholung und Performance funktionieren.
Denn politische Arbeit besteht weiterhin aus Gesprächen, Zuhören und Begegnungen. Aus Situationen, die nicht gefilmt, nicht geschnitten und nicht optimiert werden können. Aus Momenten, die sich kaum messen lassen, aber Vertrauen aufbauen. Diese Arbeit findet oft abseits der Timeline statt.
Social Media kann diese Arbeit begleiten. Es kann sie sichtbar machen, erklären, zugänglich machen. Es kann Menschen erreichen, die sonst keinen direkten Kontakt zu politischen Strukturen hätten. Das zeigte sich auch in der Diskussion unter meinem Video. Der Austausch selbst wurde Teil des politischen Prozesses.
Vielleicht liegt genau darin der Kern dieser Entwicklung. Nicht darin, dass Politikerinnen und Politiker zu Influencern werden. Sondern darin, dass sie sich in Räumen bewegen, die nach ähnlichen Regeln funktionieren. Räume, in denen Aufmerksamkeit begrenzt ist, Kommunikation verdichtet wird und Präsenz kontinuierlich erwartet wird.
Die Herausforderung scheint weniger in der Nutzung von Social Media zu liegen als in der Balance. Zwischen digitaler Sichtbarkeit und realer Nähe. Zwischen Content und Kontakt. Zwischen Timeline und Terrain.
Diese Balance ist nicht einfach. Sie lässt sich nicht in einem Post lösen und nicht in einer Kampagne abschließen. Sie entwickelt sich. Schritt für Schritt. Sichtbar und unsichtbar zugleich.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Beobachtung wichtiger wird als Bewertung. Denn politische Kommunikation befindet sich nicht am Ende eines Wandels, sondern mitten darin.
Eine Entwicklung, die man aufmerksam begleiten sollte. Nicht mit schnellen Urteilen, sondern mit offenen Fragen. Und mit dem Bewusstsein, dass politische Arbeit heute mehr Räume umfasst als je zuvor.

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